Gottesdienst zum Nachlesen vom 6.9.2020 – „Nur die Liebe vermag zu heilen“

Wie es gelingen kann, mit leidvollen Erfahrungen zu leben.

Teamgottesdienst am 6.9.2020 um 9:30 mit Dorcas Parsalaw aus Tansania, Helga Kamphius aus Lauf und Pfarrerin Eva Kaplick, Nikodemuskirche Nürnberg
Finissage der Ausstellung „Lautloses Leid“
(10 Frauenportraits von Corinna Maron)
Musik: Orgel (Thomas Schlegel) und Oboe (Birgit Wehr)

Pfarrerin Kaplick

Liebe Gemeinde.
Wenn Menschen, die Schlimmes erlebt haben, mit einer Person ihres Vertrauens reden, dann fängt Heilung an. Eine Vertrauensperson – das kann ein sogenannter“ gelernter Helfer“ sein, ein Pfarrer, eine Psychologin, eine Sozialpädagogin wie Frau Maron in einer Beratungsstelle. Oder einfach eine Freundin, ein Freund. Wichtig ist, dass der Mensch gesehen wird, das Leid gesehen wird. Dass es nicht kleingemacht oder wegdiskutiert wird.
Die Bilderausstellung passt meines Erachtens auch deshalb so gut in unsere Kirche, weil die Frauen und ihr Leid von Gott gesehen werden. Das Auge Gottes in unserem Altarbild hat sie liebevoll im Blick.
Viele sind unsicher, wie sie mit traumatisierten oder auch trauernden Menschen umgehen sollen und meiden lieber den Kontakt – aus Angst, etwas falsch zu machen. Dabei reicht es, wenn man einfach nur da ist. Zuhört. Mitleidet. Vielleicht sogar mitweint. Oder fragt: Was kann ich jetzt für dich tun?
So hat Jesus übrigens die Kranken, die zu ihm gebracht wurden auch gefragt. Viele sind in seiner Nähe heil geworden. Der eine hat seine Krücken weggeworfen, der andere fand die Sprache wieder. Eine Frau wagte zu m ersten Mal in ihrem Leben den aufrechten Gang.
Wenn Sie Jesus um Heilung bitten würden, was würden Sie ihm sagen?
Während der Musik (etwas Langsames, Sanftes) ist Zeit zum Nachdenken. Wenn Sie mögen, lassen Sie Ihr Herz mit Jesus sprechen und spüren Sie seine heilsame Nähe.

Pfarrerin Kaplick

Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten, wie dich selbst. Dieses dreifache Gebot war der Nährboden für unser Grundgesetz. Die Würde jedes Menschen ist unantastbar. So beginnt es. Es ist viel wert, wenn das in einem Land wirklich gilt.
Vieles wurde seit 1949 noch nachgebessert:
So wurde zum Beispiel 1980 die Prügelstrafe an Schulen in Bayern abgeschafft.
Seit dem Jahr 2000 gilt: Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig. Es herrscht also ein Verbot körperlicher Bestrafungen!
Über die sozialen Medien kann jede/r Hüter/in der Menschenwürde sein. Wir „kleinen Menschen“ haben tatsächlich Macht.

Die VW-Werbung auf Instagram im Mai, bei der eine überdimensionale weiße Hand einen dunkelhäutigen Mann erst durch das Bild schiebt und ihn dann in einen Hauseingang schnippt, wurde ganz schnell aus dem Netz genommen, als viele sich über diese Form von Rassismus beschwert haben. Auch die Audi-Werbung Anfang August, die ein kleines Mädchen in Lolita-Pose vor einem Kühlergrill zeigte, erntete einen sogenannten Shitstorm und verschwand ganz schnell. Die Menschenwürde hat gewonnen.

Helga

Gott sei Dank habe ich als Kind keine körperliche Gewalt erlebt. Aber meine Seele wurde verletzt. Als ich 2 Jahre alt war, musste ich ins Krankenhaus. Meine Mutter hat mich einer Krankenschwester übergeben. Dann hat sie sich ganz schnell umgedreht und ist gegangen ohne sich noch einmal umzudrehen. Ich habe mich ungeliebt gefühlt, abgeschoben. Habe es nicht verstanden. Ich hatte kein Vertrauen mehr zu ihr.
Irgendwann als erwachsene Frau habe ich mit meiner Mutter gesprochen. Sie hat mir versucht, zu erklären, dass sie keinen anderen Weg gesehen hat. Ihr hat es fast das Herz gebrochen, mich wegzugeben. Wenn sie sich umgedreht hätte, wäre sie zusammengebrochen und hätte nicht mehr aufhören können zu weinen.
Dieses Gespräch hat mich versöhnt mit der Entscheidung meiner Mutter. Neues Vertrauen ist gewachsen, und die Liebe konnte wieder zwischen uns fließen. Mir ist es wichtig, über das zu reden, was ich tue oder lasse.
Ich glaube, viele kennen ähnliche Erfahrungen. Meine Bitte an euch: Sprecht drüber. Nur so kann die Liebe zwischen den Generationen wieder fließen und ihr kommt in eure Lebenskraft.

Dorcas

Von außen betrachtet sind Menschen ganz verschieden, ich denke nicht nur an Hautfarbe, Haare oder Augen. Es kann auch eine körperliche Behinderung sein die man mit bloßen Augen sehen kann, mehrere Tattoos oder Narben. Die Ersterscheinung eines Menschen ist von vielem geprägt und entscheidet auch, (leider öfters viel zu schnell) den Umgang mit dem Menschen den man vor sich hat. So ist es auch der Fall ob man einen Mann oder eine Frau vor sich hat. Eine körperlich starke oder schwache Person.
Im Inneren sind wir Menschen jedoch alle gleich. Wir haben Gefühle und sind verletzlich egal wir stark wir von außen wirken. Der Mensch kann in vielen Formen leiden. Die einen leiden, weil Ihnen die tägliche Grundnahrung fehlt, weil Ihr Leben zerstört worden ist ohne dass sie etwas dagegen tun konnten. Die anderen leiden an physischen Schmerzen, andere wiederum leiden an einer Krankheit oder an Einsamkeit. Das alles kann im Stillen passieren. Wichtig ist, dass wir alle wissen was Leiden ist und dass es schmerzlich ist! Ich kenne keinen Menschen, der noch nie gelitten hat.
Doch dieser Schmerz kann geheilt werden, wenn wir es zulassen. Stilles Leiden ist am schmerzlichsten, da keiner weiß, wie man helfen kann oder ob man helfen darf. Die Liebe vermag zu heilen. Damit ist auch die Nächstenliebe gemeint. Einander finden und zuhören, gegenseitig Erfahrungen austauschen aber auch füreinander beten um Kraft zu schöpfen, gehört dazu.
Persönlich habe ich auch Leiden empfunden aber ich bin darüber hinweggekommen. Nicht ganz alleine, aber durch viele Menschen die mir zu dieser Zeit nahe waren. Durch den Glauben, der mir Mut und innere Kraft gegeben hat. In uns Menschen passiert viel mehr als das, was das bloße Auge sieht. Das Füreinander-da-sein ist ein schönes Gefühl. Nur die Liebe vermag zu heilen. Wer Liebe teilt, bekommt auch Liebe zurück und lernt sich selbst wieder zu lieben und lernt zu leben.

Musik (lebendig, frisch)
Helga

So ist es mir gelungen, dass meine Lebenskraft und die Liebe wieder zum Fließen gekommen sind: Ich war 37 Jahre alt, da bekam ich Probleme mit meinem linken Knie. Es musste versteift werden. Alles ging gut. Aber ich belastete das andere in der Zeit nach der OP zu sehr und bekam starke Schmerzen. Der Arzt prophezeite mir, dass ich innerhalb eines Jahres im Rollstuhl landen würde, wenn sich der Knorpel genauso schnell zurückbilden würde wie beim anderen Knie. Ich war damals Handballtrainerin und sollte die B-Jugend in die Bundesliga führen, der Vertrag stand schon und ich hatte eine große Karriere vor mir. – Mit diesen Knien ging das nicht mehr. Erst habe ich gehadert. Wurde fast depressiv.
Nach circa 2 Jahren hat sich etwas verändert, und es tat sich eine andere Tür auf: Ich entdeckte besondere Gaben und Fähigkeiten in mir, anderen mit der Heilkraft des Schöpfers zu helfen. Seitdem liebe ich mein versteiftes Knie und würde es für kein Geld der Welt verändern wollen. Denn es hat meinem Leben eine neue Richtung gegeben, eine mit Tiefendimension und voller Liebe zu mir selbst, zum Schöpfer, zu meinem Schutzengel und den Menschen, die mir begegnen.
Ich habe gemerkt: Wenn ich annehmen kann, was mir im Leben an Herausforderungen begegnet, können Leib und Seele heilen. Manchmal ganz anders, als wir denken.

Pfarrerin Kaplick

Das annehmen, was mir geschieht, das ist Lebenskunst. Wohl dem Menschen, dem das gelingt. Ich stelle mir es nur unsagbar schwer vor, zum Beispiel für die Frauen, von denen Corinna Marons Bilder erzählen. Die Gruppenvergewaltigungen erlebt haben oder zusehen mussten, wie ihre Männer und Söhne umgebracht wurden. Ich glaube, wenn mir so etwas zustoßen würde und ich nicht aus lauter Verzweiflung Suizid verüben würde, wäre da eine wahnsinnige Wut in mir. Ich würde denen, die mich so verletzt haben, alles Schlechte wünschen. Und zu Gott sagen: Mit dir will ich gar nicht mehr reden. Du hast das zugelassen!

Helga

Psychologinnen und Psychologen, auch Heiler sagen: Es ist gut, dass du wütend bist. In deiner Wut steckt deine Kraft. Eine Urkraft, die unseren Ururahnen geholfen hat, sich dem Säbelzahntiger entgegenzustellen, wenn Weglaufen nicht mehr möglich war. – Wenn Sie das nächsten Mal wütend sind, spüren Sie mal genau hin, ob Sie auch Ihre Kraft spüren. Die Kraft, zu kämpfen, zu widersprechen oder einfach nur standzuhalten.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es auch helfen kann, die Rachegedanken auszusprechen, den oder die Täter zu beschimpfen, vielleicht sogar ihm alles Schlimme zu wünschen. Auch dem Schöpfer meine Wut zu zeigen. So bin ich nicht mehr wehrlos, bin ich kein Opfer mehr. – Wichtig ist es nur, danach die Verwünschungen wieder zurückzunehmen. Nur so bekommt man auch selbst seinen Frieden.

Pfarrerin Kaplick

Aaron Antonovsky, ein jüdischer Medizinsoziologe hat mit Menschen gesprochen, die den Holocaust überlebt haben. Wie kommt es, so fragte er, dass Menschen gesund geblieben sind, die diese Hölle durchleben mussten? Er fand heraus: Menschen bleiben dann gesund, wenn sie ein Kohärenzgefühl entwickeln können. Das heißt; Ein Gefühl, dass ihr Leben in einen großen Gesamtzusammenhang eingebettet ist. Zu diesem Gefühl gehört ein dreifaches Vertrauen:

  1. Das Vertrauen, dass all die Herausforderungen unseres Lebens verstehbar und erklärbar sind.
  2. Das Vertrauen, dass wir die Fähigkeit haben, den Herausforderungen zu begegnen.
  3. Das Vertrauen, dass sich all die Anstrengungen und Mühen unseres Lebens lohnen und einen Sinn haben.

Vertrauen. Damit ist die Mitte unseres Glaubens angesprochen. Was ist Christsein anderes als Vertrauen?

Dorcas

Zum 1. Gedanken möchte ich etwas sagen: „Das Vertrauen, dass all die Herausforderungen unseres Lebens verstehbar und erklärbar sind.“ Wenn zum Beispiel jemand nachts überfallen und ausgeraubt wird, ist das schlimm. Er fragt sich bestimmt: Warum ist das mir passiert? Vielleicht kommt ihm irgendwann der Gedanke: Ich hatte ein mulmiges Gefühl, wollte eigentlich gar nicht da entlanggehen. Und er nimmt sich vor, in Zukunft besser auf seine innere Stimme zu hören. Oder er überlegt: Hab ich Unsicherheit ausgestrahlt?  Ich könnte einen Selbstverteidigungskurs machen, dann bewege ich mich anders: Gehe aufrecht, trage den Kopf ganz stolz, mache meine Schultern breit, gehe mit festen Schritten. Nicht dass Sie mich falsch verstehen: Ich will damit nicht sagen, dass er selbst schuld ist, an den, was geschehen ist. Aber manchmal lohnt es sich, hinter die Dinge zu schauen, um zu verstehen.

Helga

Mich hat der 2. Gedanke angesprochen: Das Vertrauen, dass wir die Fähigkeit haben, den Herausforderungen zu begegnen.
Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch mindestens eine besondere Gabe oder Fähigkeit hat.
Ein Charisma, das es zu entdecken und zu entfalten gilt. Niemand ist gesichtslos, profillos, farblos, konturlos.

Pfarrerin Kaplick

Dazu fällt mir ein: „Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat.“ So heißt es im 1. Petrusbrief.

Helga

Genau. Jeder Mensch hat etwas Einzigartiges, eine ganz besondere Ausstrahlung. Und die ist ganz kostbar. Sie soll in vollen Zügen gelebt werden.

Pfarrerin Kaplick

Zur eigenen Freude: Das kann ich, wow!, um dem Nächsten zu dienen und Gott zur Ehre.

Was können Sie besonders gut? Bei einer Fortbildung mussten wir einmal 10 Sachen aufzählen. Das war ganz schön schwer. Aber alle haben es geschafft und fingen an zu lächeln. Freude und ein gesunder Stolz haben sich ausgebreitet. Nehmen Sie ruhig mal Ihre 10 Finger zu Hilfe. Nach dem Gottesdienst oder heute Nachmittag…: gut kochen, schnell rennen, gut zuhören…..
Der 3. Gedanke war: „Das Vertrauen, dass sich all die Anstrengungen und Mühen unseres Lebens lohnen und einen Sinn haben.“ Ich glaube, das ist die Lebensaufgabe jedes Menschen, herauszufinden warum es sich lohnt bei all dem, was schwer ist.
Helfen kann dabei ein Satz von Jesus: „Lernt von mir. Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“
Ich habe den Eindruck, dass gerade wir abendländischen Christen einen Nachholbedarf haben bei allem, was leicht ist. Das Schwere, das Ernste und Tiefe, das kriegen wir hin. Aber Ausgelassenheit, Lachen, Spielen, Tanzen, Abenteuer, Risiko, Erotik – das braucht auch seinen Platz in unserem Leben.
Mein Vater war vor 40 Jahren in Tansania und hat von den lebendigen Gottesdiensten geschwärmt.
Wer mehr davon wissen möchte, kann nach dem Gottesdienst Dorcas interviewen.

Eine Professorin in praktischer Theologie in Kiel [Sabine Bobert] schlägt eine Übung im Alltag vor: Jede Stunde halten wir kurz inne und stellen uns vor, wie wir als Kind mit Wasser geplanscht haben.
Die meisten Menschen fangen bei dem Gedanken an zu lächeln, Freude breitet sich aus.
Beobachten Sie doch mal, was bei Ihnen geschieht….

 

Ich wünsche uns, dass wir versöhnt mit uns selbst und dem Leben unseren Weg gehen.

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